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Der Entertainment-Profiler

Mein lieber Freund und Bühnengefährte Olli Dittrich liebt es, sobald die Show mal wieder entgleitet (was Gott sei Dank immer stattfindet, wenn wir auftreten) und wir lustige Sticheleien mit ernstem Hintergrund austauschen, mir eine Breitseite der besonderen Art zu verpassen. Meistens kommt sie nachdem ich zu ihm gesagt habe „Die Beatles halte ich für überschätzt“. Das ist schön – machen Sie das mal, wenn sie ihn treffen!

Aber wie schon gesagt, dann holt er aus und sagt: „Dafür kaufst Du immer Fernsehzeitungen und streichst Deine Lieblingssendungen mit Textmarker an!“ Gegröle im Publikum. Aber warum?

Meine Tante Käthe hat es mir vorgemacht: sie kaufte immer die HÖRZU; und sobald das neue Heft erschien, machte sie sogleich mit einem Kugelschreiber von der Post Häkchen in die Programmlisten, um sich ihre Lieblingssendungen zu markieren. Das war in der Zeit, als es noch nur 3 Programme gab.

Mitunter wusste Tante Käthe schon eine Woche vorher, dass sie am Samstag etwas früher nach Hause musste, denn „heute gibt’s EWG mit Kuli!“ Um nicht immer zu offensichtlich erkennbar zu machen, dass sie gewisse Tagesabläufe nach dem Fernsehen bestimmte, schob sie immer, wenn der Kuli kam (manchmal schon nachmittags, wenn die Käpt’n Senkstake-Reihe lief) eine allgemeine Unlust am Leben beim Familien-Kaffeetrinken vor, um sich nach Hause verdrücken zu dürfen. Am nächsten Tag war sie dann sehr, sehr glücklich, obwohl der Kuli „sich auch nur gerne selbst reden hört“. Aber sie hatte ihren „Fernsehplan“ erfüllt.

Ich war von diesem Verhaltensmuster so hingerissen, dass ich unsere Ausgabe der HÖRZU dann auch Woche für Woche „bemalt“ habe. Um Streit zu vermeiden, habe ich die Sendungen, von denen ich meinte meine Eltern fänden sie interessant gleich mitangestrichen (rot für Mama, blau für Papa). Hätte ich sie nicht noch zum gezielten Fernsehgucken erzogen, wäre die Scheidung wohl 5 Jahre früher gekommen.

So wurde ich allmählich Entertainment-Profiler: inzwischen gebe ich meinen Mitmenschen, die vorgeben überhaupt nicht mehr zu gucken, ständig irgendwelche Fernsehtips. Sehr sensibel muss ich zum Beispiel mit Männern meines Alters umgehen, die glauben, dass nach Magnum nichts Gutes mehr gemacht worden ist. Es ist immer dasselbe: Stress im Beruf, Beziehungsprobleme weil die Partnerin Sex and the City mag. Dann empfehle ich Kommissar Beck und bekomme noch 3 Wochen Dankesbriefe.

Viele erfahren ihr Coming Out bei Nachtwiederholungen von Tatorten der 70er Jahre, Frauen fragen mich nicht mehr an welchem Tag Cyrano de Bergerac läuft sondern direkt nach der ShowView-Zahl.

Seien Sie mal ehrlich, liebe User: Es geht um Verantwortung! Sie fragen doch beim Autokauf auch zuerst nach dem Verbrauchswert, Sie lassen sich im Restaurant die Tageskarte zweimal vom Italiener vorlesen, Sie ärgern sich zu Recht, wenn Lady in Red auf der Best-Of-CD von Chris de Burgh nicht drauf ist! Und beim Fernsehen? Ja, da wird fröhlich querfeldein gezappt – Wow, was kostet die Welt!?… Wahrscheinlich entnehmen Sie das Programm aus der Tagespresse, weil Sie glauben spontan sein zu können. Oder Sie kaufen sich billige Fernsehzeitungen mit Sonja Zietlow vorne drauf, in denen das Programm der nächsten 10 Wochen auf 3 Seiten aufgelistet ist.

Dabei wissen wir doch tief in uns, dass der „Quickfinder“ für Warmduscher ist und die Bewertungen der Spielfilme in „Auf einen Blick“ von den Amerikanern gegengelesen werden!

Vorsicht: Wenn Sie eines Tages glauben, Family Date – Nur einer darf mit unserer Tochter sei realistisch, und bei Wer wird Millionär? könne man noch was lernen sind Sie verloren – oder schon so alt wie Tante Käthe.

Bastian Pastewka

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