Baymax – Riesiges Robowahbohu

bp_baymax_141121 Lesen Sie mehr »

Mörder-Unterhaltung im Apollo

bp_siegenerzeitung-foto-zel_141111

Siegen. Bastian Pastewka und Komplizen führten erstmals das lange verschollene Durbridge-Krimihörspiel „Paul Temple und der Fall Gregory“ live auf. Foto: zel

Siegener Zeitung | 11.11.2014 | zel - Markt und Straßen müssen ziemlich verlassen gestanden haben, denn Montagabend lief ein Durbridge. Den Namen des britischen Krimiautors nicht in einem Atemzug mit dem Wort „Straßenfeger“ zu nennen, geht schlicht nicht. Das Apollo-Theater war auf jeden Fall randvoll, denn hier wurde live gemordet, entführt und ermittelt. Durbridge-, Hörspiel- und Pastewka-Freunde im Publikum dürften sich in etwa die Waage gehalten haben, denn der Schauspieler und Comedian hat mit Komplizen einen Schatz gehoben, den er in Siegen zum ersten Mal vor Publikum auspackte: „Paul Temple und der Fall Gregory“. Diese Affäre um mehrere entführte bis tote Mädchen – der Entführer/Mörder hinterlässt Visitenkarten mit seinem Namen: Mr. Gregory – war die erste deutsche Folge der Durbridge-Reihe um Privatermittler und Krimischriftsteller Paul Temple, die 1949 in Deutschland lief, vom britischen BBC-Original adaptiert durch den NWDR, einen Vorläufer des WDR. Ausgerechnet diese Folge ist seit der Ursendung verschwunden, doch jüngst ist ein Manuskript-Fragment wieder aufgetaucht. Durbridge-Aficionado Pastewka, Regisseur Leonhard Koppelmann und die Koproduzenten WDR und SWR machten eine Rekonstruktion möglich. „Der Fall Gregory“ lief schon im Radio, es gibt ihn auf CD zu hören, und seit Montag eben ist Pastewka mit vier Kollegen auf Live-Hörspiel-Tour durch NRW und ganz Deutschland.

Die Premiere in Siegen verlief famos – weniger weil der Fall so spannend war (von den vielen Namen der lebenden und toten Figuren brummte einem sogar eher der Kopf), sondern weil die Aufführung weit mehr als eine Lesung war und alle Mitwirkenden sichtlich und hörbar Spaß an der Sache hatten. Pastewka sprach den smarten Temple und Janina Sachau dessen goldig-gescheite Frau Steve, alle anderen sprachen alle anderen Rollen mit zum Teil absurd verstellten Stimmen: Kai-Magnus Sting gab u. a. Scotland-Yard-Chef Forbes, den Norweger Peter Davos (der ein bisschen holländisch klang) und den bulgarischen Barbesitzer Zola (der was von Reich-Ranicki hatte) und spielte ausdauernd den erhängten Professor (Applaus!), Alexis Kara war der lustige Butler Charlie („okey-dokey“), Sir Donald, der seine weibliche Begleitung vermisste, Edward Day, dem ebenfalls seine Braut abhanden gekommen war, und Inga Busch spielte die Ärztin Dr. Wiseman, Entführungsopfer Virginia sowie gefühlte 68 Sergeants und Madison, der sogar im Spiel noch seine Stimme verstellte! Um sich herum hatte das Ensemble ein Instrumentarium aufgebaut, um Geräusche zu machen: Da wurden Türen geöffnet und geschlossen, raschelten Zeitungen, klapperten Gläser und Tassen, kamen und entfernten sich Schritte und verunfallten Autos, dass das Hören als Sinn mal wieder so richtig Sinn machte, und weil mit Musik alles besser geht, wurde die Originalmusik eingespielt und sangen die fünf in der Nachtbar „Brazil“ köstliche Lieder wie „Ay ay ay Maria, Maria von Bahia“ oder „Am Zuckerhut“.
Hier geht es weiter zum ganzen Artikel…

Peer Augustinski | 25. Juni 1940 – 3. Oktober 2014

Foto: Wikipedia/Helen Krüger

Foto: Wikipedia/Helen Krüger

Ach, Peer Augustinski. Er war einer, der nie losgelassen hat – einfach, weil das im Drehbuch nicht vorkam. “Ich kann dir nur helfen, wenn du dir was wünschst! Sag einfach: ‘Dschinni, ich möchte, dass du mir das Leben rettest!’ Mensch, sag’s schon!” Disney’s Dschinni, gesprochen von Robin Williams, gesprochen von Peer #Augustinski, hilft seinem Schützling Aladdin noch beim Wünschen und rettet ihn so aus einer Patsche nach der anderen.

Das war 1992.

Jetzt, 22 Jahre später, ist Peer Augustinski gestorben. Der Dschinni, gesprochen von Robin Williams, war verstummt. Liebe Freunde, dieses Jahr ist wirklich nicht freundlich. So viele von den Großen, den Beschützern der Traumwelten unserer Kinder- und Jugendtage werden abgerufen … Da denkt man noch vor kurzem: “Es ist ein kleiner Trost: wenn man die Augen schließt und Peer Augustinski hört, wird es ein wenig so sein, als sei Robin Williams nicht gestorben” und dann – “It’s barbaric, but hey – it’s home” (Aladdin) – ist es plötzlich still … Peer Augustinski ist tot, ein Leuchtfeuer der deutschen Unterhaltung, DIE deutsche Stimme von Robin Williams, und er hat Übermenschliches geleistet in dieser Rolle: kaum ein Comedian sprach so schnell wie Robin Williams, war ein solcher Meister von Verstellung, Rollenwechseln und Dynamik, von einer Stimme zu anderen hüpfend wie ein Känguru auf Speed – und Peer Augustinski ging das alles mit, und er tat es scheinbar mühelos: unvergessen die deutschen Fassungen von GOOD MORNING VIETNAM (sein Einstand im Synchrongeschäft) oder DISNEY’S ALADDIN …

Peer Augustinski war von einem Schlag Fernsehunterhalter, wie sie immer weniger werden: ausgebildeter Schauspieler, Multiinstrumentalist – wo gibt’s das heute noch in einer Unterhaltungslandschaft, in der die Meisten ohne Teleprompter und Playback aufgeschmissen sind. Theaterarbeit, zehn Jahre davon, und nicht irgendeine launige Castingshow sondern die Ausbildung am Berliner Max-Reinhardt-Seminar und Jahre an deutschen Repertoirtetheaten liegen hinter Augustinski, als er Mitte der 1970er von Michael Pfleghar ins Fernsehen, sprich zu KLIMBIM, geholt wird und, wie alle Herausforderungen zuvor, das Klamaukfach schultert und, weil das Wünschen hilft, stemmt: KLIMBIM wird Kult und er festes Ensemblemitglied – und Fernsehen in den 1970ern war harte Arbeit: wenn ein Text kam, packte man sich den drauf, auswendig, und in Proben und er war abrufbar, der Text, wann immer KLIMBIM-Diktator Michael Pfleghar Proben ansetzte.

Und dann, wieder ein Jahrzehnt später, noch eine Karriere: mit GOOD MORNING VIETNAM gibt er seinen Einstand als deutsche Stimme von Robin Willams – so fulminant, dass er dessen Stammsprecher wird – in einer Symbiose, wie wir sie von Louis de Funès und Gerd Martienzen kennen.

Lange her, die Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat…

Natürlich machte Peer Augustinski keinen Hehl aus dem Wunsch, dass nach seinem Schlaganfall kurz nach der ersten Runde einer beispiellos erfolgreichen Revival-Tournee der KLIMBIM-Familie Mitte der Nullerjahre wieder alles wie früher werden möge; er war ja auch gleich zur Stelle, das Seine dazu beizutragen, hat sich wie ein Berserker in die Reha und, so gut es ging, in die Arbeit gestürzt. Er, einer aus der Generation der TV- und Theatertiere, die Leben und Beruf mit ein und derselben Besessenheit betrieben, ohne Lobby und doppelten Boden, aus eigener Kraft und überzeugt davon, es werde schon gut gehen, wenn man sich reinhängt und weil das Wünschen ja immer hilft. So wie die anderen aus dem KLIMBIM-Ensemble, mit denen er 2005 noch einmal auf Bühnentournee gegangen war dem Ruf von Horst Jüssen folgend, der 2008 starb, zwei Jahre nach KLIMBIM-Kollegin Elisabeth Volkmann.

Und irgendwann hilft das Wünschen nicht mehr – …

… oder vielleicht hat ihm einfach jemand gesagt, dass er loslassen darf und dann kann man ihn sich plötzlich vorstellen, Abschied nehmend, in einem Hawaiihemd, wie Aladdins Dschinni: “So, jetzt such ich mir einen anderen Ort, wo ich mein Unwesen treiben kann – auf Wiederseeeh’n!” …

Ich würde es ihm wünschen.

DANKE, Peer Augustinski!

Bastian Pastewka